Sonntag, 12. August 2018
Sie kann ihn nicht loslassen
Vollkommener Friede erwartet sie bereits bei ihrem Erwachen. Erst bemerkt sie ihn nicht, tappst zur Kochstelle und feuert an für heißen Kaffee. Erst später, sie sitzt vor dem großen, weit geöffneten Fenster mit Blick nach draußen in den flaschengrünen, noch stillen Sommer, tröpfelt ihr das große Glück ins Bewusstsein, die Ruhe und Freundlichkeit der Natur rollen ihr vor die Füße, erfüllen die Hütte und umfangen ihr Herz.

Ihre Tour gestern war ihr schwer gefallen, sie ging langsamer als sonst. Einmal endet der Weg, und weil sie partout nicht umkehren will, schlägt sie sich durchs Unterholz und zerkratzt sich am ganzen Körper die Haut, ihre Beine werden von Brennesseln zerstochen. So gelangt sie an einen Wassergraben. Sie zieht einen halb faulen Stamm aus dem Dornengebüsch, lässt ihn ins Wasser fallen und schafft so eine Furt, durch die sie es halbwegs trockenen Fußes auf die andere Seite schafft.

Der Sommer ist hoch. Es ist nicht ganz so heiß wie die anderen Tage, der sandige Boden ist staubig und trocken. Der Wind geht mit lautem Rauschen durch die hohen Wipfel der Pappeln, und die Luft schmeckt nach Salz und Meer. Sie erinnert sich an die Bläue und Endlosigkeit der Ozeane, an deren Küsten sie erstmals gewahr wurde, wie klein eine Ameise tatsächlich ist und dass die Größenrelationen, die sie bislang für wahr gehalten hatte, auch andersherum stimmen können.

Abends schrieb er ihr zurück. Nur kurz, und nur als Reaktion auf ihre Nachricht, aber er tat es.

Sie ist glücklich, wird mit Sicherheit keinen Fehler machen und schreibt ihm in der Nacht eine Antwort.

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Freitag, 10. August 2018
zerschlagener Morgen
Die Knochen wollen betreten nicht anlaufen. Sie ist ruhig, still, wie jeden Morgen.

Ist etwas anders?

Keine Aufregung, kein Schmerz, feine Freude, wenig Hoffnung auf ein wohltuendes Ende, tiefe Liebe, sicheres Vertrauen.

Sie spürt ihre wertvolle Liebe, blank und hell, die sicher nicht morgen enden wird.

Ein prüfender Blick in ihre Mitte, dort ist alles in Ordnung und an seinem Platz, sorgsam legt sie sein Amulett um den schlanken Hals und geht hinaus in den Tag.

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Donnerstag, 9. August 2018
Rückkehr
Ist es bereits ein Jahr her, dass er sich von ihr entfernt hat?

Das Schlimmste mag sie - auch an dieser stillen Stelle - gar nicht schreiben.

Sie hat sich gefangen, lächelt und lacht, hebt nur selten den Blick, und tut es niemals, wenn er in der Nähe ist.

Er meidet sie konsequent. In all den Monaten verirrt sich nur ein einziges Mal das Bild seiner Augen in die ihrigen; seine Augen, in denen sie Mal um Mal versunken war.

Sie hadert und leidet, der Schmerz verringert sich, die Gefühle ertauben. Gleichzeitig liebt sie ihr Leben, ist ruhig und zufrieden, und nach anfänglichem Aufbegehren und heftigen Fluchtversuchen legt sie sein Amulett um, jeden Morgen, wie eine Witwe, ohne Frage nach dem Warum und nach dem Ende.

Und dann kommt der Tag. Es ist Zufall, dass ihr Lebensstart sich jährt, und es kündigte sich an; zaghaft, leise, zögerlich. Erst kann sie es kaum glauben. Eine kleine Nachricht, die sie erreicht, so winzig, dass sie fast an einen Traum denkt.

Doch dann überrollt er sie, wie eine mächtige Welle, sie beide schäumen über, treffen heftig aufeinander, strudeln unter- und übereinander, schleudern herum, bewegen sich zielsicher auf dem schwankenden Terrain.

Noch hat er sie nicht angerührt. Und mittlerweile gibt es Gründe, die ein Anrühren ausschließen.

Sie ist ruhig und aufgeregt zugleich. Sie liebt ihn, unspektakulär, fein, klar. Sie weiß, sie darf ihn nicht an sich heranlassen, und sie weiß, sie ist nicht annähernd in der Lage, ihn abzulehnen.

Angst hat sie nicht, keine Furcht, sie fühlt sich geführt und vertraut ihm blind.
Sie ist glücklich, das Gefühl seines Pulses nah am Herzen zu spüren.

So legt sie sich zur Ruhe, friedlich, glücklich.

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